Hauptprospekt: Einzelheiten einer Zugangstür

Im Zeichen von Michael Praetorius - 7. Orgeltag in Halberstadt

26. Sep 2021

Der 7. Halberstädter Orgeltag stand ganz im Zeichen des 450. Geburtstages und zugleich 400. Todestages des Komponisten Michael Praetorius.

Die Stadt Halberstadt ist eine der Wirkungsstätten des aus Thüringen stammenden Michael Praetorius. Der 7. Halberstädter Orgeltag am 11. und 12. September 2021 war daher dem Leben und Wirken dieses bereits zu seinen Lebzeiten bekannten Komponisten gewidmet. Musik, Lesung, Tanz, Orgelführungen und die Enthüllung der Stiftertafel des Vereins OGR beim John-Cage-Kunst-Projekt in der Burchadikirche leiteten durch den Tag. Die Predigt von Superintendent Jürgen Schilling im Musikalischen Festgottesdienst ist nachfolgend wiedergegeben.

Predigt im Gottesdienst im Rahmen der Halberstädter Orgeltage, 12. Sept. 2021

Predigttext: Offb. 15,2-4

I. Das Orgelfest in Gröningen im Jahre 1596

Das Geklapper der Pferdehufe und das Scharren der Wagenräder hört nicht auf. Seit dem frühen Morgen geht das schon. Kutsche um Kutsche kommt in die Stadt. Männer, Frauen und Kinder treten aus ihren Häusern heraus, um einen Blick zu erhaschen in das Innere der Kutschen.

Woher wohl dieser wohlgeborene Herr angereist ist? Und jener? Aber auch die Nachbarin zuckt mit den Schultern. Es heißt, die Herrschaften kommen von weit her, von Augsburg und Hamburg, Lübeck und Lüneburg, aus Danzig und Nordhausen. Allesamt daselbst vom Herzog eingeladen. 53 an der Zahl.

Die Leute der Stadt kennen das Ziel der fremden Herrschaften. Natürlich hat es sich herumgesprochen, dass der Orgelbaumeister Beck aus Halberstadt in der Schloss-kapelle eine Orgel gebaut haben soll. Es heißt, sie finde ihresgleichen nicht. Und jetzt ginge es darum, das wundervolle Meisterwerk einzuweihen. Dazu habe der Herzog die namhaftesten Organisten aus allen Landen eingeladen. Sie sollen den Klang prüfen und die Kunde von dem prächtigen Instrument in die Welt tragen.

Vor dem Schloss gibt es einen Stau. Zu viele der Kutschen sind gleichzeitig angelangt. Die Herrschaften werden einzeln zur Schlosskapelle geleitet. Sie durchtreten das Portal und schauen sogleich auf zum monumentalen, prunkvoll gestalteten Orgelprospekt von einmaliger Schönheit.

Noch erklingt kein Ton. Man hat sich zu setzen in die Bankreihe ohne Ansehen von Stand und Person, wiewohl man allzumal Sünder ist. Ein Blick nach rechts, mit einem freundlichen Nicken zu jenem bekannten Kollegen, der dort sitzt. Der Blick nach links: Ein Staunen, auch dieser, hier?! Und im Stillen die Frage: Wer von den Kollegen ist auserkoren, als erster die Tasten des neuen Instrumentes spielen zu dürfen?

Dann der Introitus. Augen und Mund weit offen, die Ohren gespitzt, und ein jeder der Gäste prüft hörend, ob der Klang dem weit vorausgeeilten Lob auch wirklich entspricht.

II. Die Orgel als Himmelstürenöffner

Liebe Gemeinde,

das war auch für damalige Verhältnisse eine große Sache. 1596 wurde die Beck-Orgel in Gröningen eingeweiht, Herzog Heinrich Julius, in Persona Halberstädter Bischof, hatte sie in Auftrag gegeben, das war ihm viele Taler wert. Und weitere das zur Einweihung veranstaltete großes Fest. Zu dem lud er 53 Organisten aus ganz Deutschland, sie bekamen sogar ein Honorar dafür, dass sie die Einladung annahmen und tatsächlich nach Gröningen reisten. Der schönere Lohn jedoch bestand eh darin, dass sie das große, neue Instrument probieren und spielen durften.

Eine tolle Idee, und wohl auch eine logistische Meisterleistung. Es ist nicht überliefert, wie viel Zeit ein jeder der Orgelvirtuosen am Spieltisch verbringen durfte. Das Ganze ging über mehrere Tage. Heute spricht man im Rückblick von einem Orgelmarathon.

Und ich stelle mir vor, wie erpicht die Herren darauf waren, möglichst unter den ersten zu sein, die an den Orgeltisch durften. Und wie sie dann im Anschluss, vor der Kapelle im Kreis der Kollegen stehend, ihre Eindrücke preisgaben. Mittendrin der hiesige Kammerorganist Michael Praetorius, der die Orgel längst kannte und an 48. Stelle der Spielenden gelistet ist. Er sammelte die Urteile seiner Kollegen und überbrachte sie seinem Herrn und Mäzen, dem Herzog.

Ob sie wirklich alle begeistert waren?

Von der Orgel hieß es, sie sei eine „ihres gleichen nicht seyende Orgel, welche wegen ihrer Größe und schönsten Vergüldung nicht wenig zu admiriren [zu bewundern] ist, gleichwie sie auch ein Ohr und Music liebendes Gemüth, wenn sie gespielet wird, überaus vergnügen kann“.

Es wird wohl dann doch nicht anders gewesen sein, wie heute so etwas ist: Da gibt es jene, die sich tatsächlich begeistern lassen. Töne und Klang des Instrumentes erfahren sie als Geschenk, sie lassen sich das Herz von der Musik einfach füllen.

Und es gibt die, die meinen, Mängel entdecken zu müssen und diese dann in schlaue Worte kleiden – sei es, weil die Konstruktion dieses einen Registers tatsächlich nicht ausgereift auf der Höhe der Meisterschaft des Orgelbaus ist. Sei es, weil sie sich besser als die anderen dünken.

Was sie alle vereint, ist der Glaube daran, dass dieses Instrument, die Orgel, mehr ist als nur ein Instrument.

Gerade hatten die Reformatoren dem Gemeindegesang, ja der Musik überhaupt zu einer deutlich größeren Bedeutung im Gottesdienst verholfen. Martin Luther hatte der Orgel fast den Rang einer eigenständigen Verkündigerin des Evangeliums zugewiesen.

Und so sahen all die nach Gröningen gekommenen Virtuosen in der Orgel ja geradezu ein Gleichnis für Gottes schöpferische Kraft. Kein anderes technische Gebilde ergänzt und vereinigt Musik und Physik, Architektur, Wissenschaft und Kunst so vollkommen wie sie. Und ihr außergewöhnlicher Klang macht hörbar, was doch eigentlich nicht fassbar ist: Er schenkt eine Ahnung davon, wie es im Himmel zugeht. Dorthin sehnte man sich – auch damals noch, zu Beginn der Neuzeit.

Ein Beweis dafür, Michael Praetorius’ Initialen MPC – so kürzte er seinen Namen ab (wobei das C für Creutzburgensis steht). Diese Initialen sind zugleich die Anfangsbuchstaben seines lateinischen Wahlspruchs: Mihi Patria Coelum = Mein Vaterland ist der Himmel.

Dieser Glaube, dass die Orgel ein göttliches Werk sei, um die Herzen in den Himmel zu heben, dieser Glaube verband sie alle: Die angereisten Organisten, den Herzog und die Leute auf den Straßen.

III. Das Lied des Glaubens

Ich sah, und es war wie ein gläsernes Meer, mit Feuer vermengt; und die den Sieg behalten hatten über das Tier und sein Bild und über die Zahl seines Namens, die standen an dem gläsernen Meer und hatten Gottes Harfen und sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes. (Offb. 15,2-3a)

Die Lesung, die wir soeben gehört haben, stammt aus der Offenbarung des Johannes, das letzte Buch der Bibel, mit einer großen Vision der Endzeit. Johannes sieht, dass auch dann noch, wenn alles zu Ende und aufgehoben ist bei Gott, dass auch dann noch die Menschen singen werden. Sie singen das Lied des Mose.

Es ist die Grunderfahrung der Glaubenden: Als das Gottesvolk unter der Führung Moses aus der Sklaverei in Ägypten floh, wurde es vom ägyptischen Militär verfolgt. Der Pharao wollte Israel nicht in die Freiheit ziehen lassen. Sie sollten weiter Frondienst leisten.

Die Israeliten waren ohnmächtig und schwach. Aber sie wurden gerettet. Als sie dessen gewahr werden, jubeln sie. Moses Schwester Mirjam ergreift die Pauke und tanzt mit allen Frauen vor Freude zu den Liedern der Gemeinde. Dieser Gesang zum Lobe Gottes steht für die Grunderfahrung, dass Gott bereit ist, sich in unsere menschliche Geschichte verwickeln zu lassen. Es ist ein Gesang, der der Erfahrung Ausdruck gibt, dass Gott mitgeht mit einem jeden von uns. Er richtet uns aus, er zeigt was Gerechtigkeit ist und wie ein friedvolles Miteinander erhalten werden kann.

Diese alte Grunderfahrung findet ein vielfältiges Echo. Dieses Echo erreicht auch die Gemeinden des neuen Bundes, die jungen Christengemeinden. Auch sie singen das Lied des Mose und der Mirjam.

Insbesondere dann, wenn sie sich selbst schwach und ohnmächtig erfahren, wie zur Zeit der Offenbarung des Johannes. Dem ausgeprägten Kaiserkult unter dem römischen Imperator Domitian begegnen diese frühen Christen mit Courage; sie widerstehen, sind zur gottgleichen Verehrung des Kaisers nicht bereit. Deshalb werden sie verfolgt. Ein großer Drachen mit sieben bekrönten Häuptern und 10 Hörnern bedroht sie, so das Bild des Johannes. Sein Schwanz fegt einen Teil der Sterne des Himmels hinweg und wirft sie auf die Erde. Dann tritt der Drache vor die schwangere Frau, die gebären soll (und jeder weiß, dass damit die Geburt des Gottessohnes gemeint ist). Der Drache will das Kind fressen. Gott aber entrückt Mutter und Sohn. Er reißt sie aus der Gefahr heraus.

Das Lied der Mirjam der älteste Satz der Bibel, sagen die Wissenschaftler. Damals wurde die Grunderfahrung des Glaubens in Töne gebracht. Und am Ende alle Tage, so Johannes, wird immer noch gesungen.

IV. Musik als Sprachmittlerin

Liebe Gemeinde, heute stehen wir nicht mehr wie Moses und Mirjam am Schilfmeer. Wir blicken auch nicht wie die Geretteten am gläsernen Meer zurück auf eine unmittelbar überstandene Gefahr. Unsere Situation ist eine andere. Wir leben in einer freiheitlichen Demokratie mit zahlreichen Möglichkeiten für einen jeden von uns.

Aber auch heute ist das Leben für einen großen Teil der Menschen nicht sorgenfrei.

Gestern sahen wir alle noch einmal die Bilder vom 11. September 2001. Der Anschlag aufs World Trade Center in New York hat unsere Welt verändert. Wir leben seitdem mit der Angst vor weiteren terroristischen Gräueltaten.

Wir denken an die Menschen in Afghanistan. Und fühlen uns ohnmächtig: So ein langer, mit großem Aufwand vollzogener Einsatz und jetzt scheint alles umsonst. Was ist mit denen, die alles hinter sich lassen mussten und nun neue Heimat suchen, auch bei uns?

Wir wissen um die wieder steigenden Fallzahlen auf den Intensivstationen, und fragen uns, warum lehnen immer noch vergleichsweise viele Menschen die Hilfe, die mit der Impfung geschenkt ist, ab?

Und bei allem Nachdenken über unsere Welt empfinde – zumindest ich für mich, und manch anderem von Ihnen wird es genauso gehen – empfinde ich unendlich Dankbarkeit für das Leben und viele liebe Menschen und die Kirche und die Gemeinde und wenn ich davon sprechen will, kann ich doch nur stammeln. Genauso wie wenn ich an all das Sorgenvolle denke.

In solchen Situationen ist die Musik ein wundervolles Geschenk. Wenn es um die Tiefen und die Höhen unseres Lebens geht, wenn ich meine Sorgen vor Gott bringen will oder mein Herz von Dankbarkeit erfüllt ist, dann reicht die Sprache oft nicht aus.

Dann hilft es, wenn ich mich in eine Kirche setzen kann, meine Stimme hineingebe in die alten Lieder, die seit hunderten von Jahren von der Gemeinde gesungen werden, und in die neuen Lieder, die heutiges Denken und Fühlen wiedergeben. Und wenn ich hören darf auf den Chor und nicht zuletzt die Orgel und meinen Dank für alles das Christus hinlege.

V. Die Orgel als Meisterin des Glaubensliedes

Liebe Gemeinde, wir stellen heute fest, dass die Orgel den Rang, den sie vor 400 Jahren hatte, und auch vor 100 Jahren noch, heute bei den meisten Menschen eingebüßt hat.

Musik vermag die Herzen nach wie vor zu berühren. Doch das dazugehörige erhabene Gefühl wird woanders gesucht. Und gefunden! Das gibt es im Fußballstadion, wenn die Fangesänge erschallen. Oder wenn Herbert Grönemeyer auf einer überdimensionalen Bühne ein Konzert gibt. Und es gibt es bei VW, wenn das bestellte Auto von oben her präsentiert wird und man sich dann das erste Mal hineinsetzt in das neue Eigentum und im Wageninneren mit dem Infotainmentsystem Musik über acht verschiedene Lautsprecher hört...

Anders als 1596 führen die Orgelbegeisterten heute eher ein Dasein als wundersame Exoten. Zum Beispiel jene, die davon träumen und alles dafür tun, dass hinter diesen Prospekt wieder die Beck-Orgel kommt.

Und jene, die ins Burchardikloster pilgern, wenn der nächste Klangwechsel ansteht. –

Ob die 1596 nach Gröningen Gereisten den derzeit zu hörenden sieben Tönen etwas abgewinnen könnten? Was hätte Michael Praetorius zum Halberstädter Cage-Projekt gesagt? Eine abwegige Frage, ich weiß. Ich komme darauf, weil die Idee, John Cages Komposition über 639 Jahre hinweg zu spielen, in seiner zeitlichen Ausdehnung ja auch fast göttliche Ausmaße zeigt, im gewissen Sinne die Ewigkeit in den Blick nimmt.

So viel jedenfalls steht fest – bei allem Wandel: Die Welt braucht unser Lied des Glaubens. Es ist das Lied der Hoffnung auf Gott und seine Gerechtigkeit mitten unter uns.

Und die Orgel ist dafür geradezu eine Meisterin der Übersetzung. Sie führt uns in die richtige Melodie hinein. Sie klagt in Moll und jubelt in Dur. So erneuert sie das Lied des Glaubens. Das Lied des Mose und das von Daniel, von Maria Magdalena und das der Apostel im Gefängnis. Das von Johannes dem Visionär, von Michael Prätorius, sowie das unsrige.

Die Orgel öffnet den Blick für den Himmel und für das himmlische Wirken Gottes unter uns. Sie hilft uns, mal still mit feinen Tönen und mal laut mit allen Registern, unseren Platz als Glaubende in dieser Welt couragiert einzunehmen. Und ich meine: So soll und darf es bleiben, bis in alle Ewigkeit. Bis auch wir unsere Heimat im Himmel finden.

Amen.


Die Stiftertafel des Vereins OGR beim John-Cage-Projekt für das Jahr 2572
Die Stiftertafel des Vereins OGR beim John-Cage-Projekt für das Jahr 2572